Unsere Lektüretipps:

Tim Marshall, Die Macht der Geographie

Wie sich Weltpolitik anhand von 10 Karten erklären lässt

Aus dem Englischen von Birgit Brandau

dtv, 318 Seiten, 12,90 €

Unser geografisches Wissen schwindet, uns geht der Überblick im Klein-Klein der täglichen Nachrichtenflut verloren. Marshalls Buch kann da Abhilfe schaffen. Wir reisen mit ihm durch die Welt und er erklärt, warum wir prisoners of geography, so der (eigentlich bessere) Originaltitel, sind. Er skizziert in klaren Worten wesentliche (kultur-) historische Hintergründe und zeigt, welchen Einfluss die geographische Lage auf aktuelle politische Entwicklungen und Konflikte haben kann. So werden komplexe geopolitische Zusammenhänge erkennbar. Aktuell ist besonders das Kapitel über Korea und Japan interessant. Leider lässt das vorhandene Kartenmaterial zu wünschen übrig und der Tonfall manchmal etwas flapsig. Schade bei diesem interessanten Thema.

 


Patrick Deville, Pest & Cholera

Aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller

Unionsverlag, 234 Seiten, 12,95 €

Der Roman eines abenteuerlichen, leidenschaftlichen Lebens vor dem Hintergrund einer bewegten Epoche. Alexandre Émile Jean Yersin, geboren 1863, tritt bereits als Kind in die Fußstapfen seines früh verstorbenen Vaters, eines begeisterten autodidaktischen Botanikers und Insektenkundlers. Berühmt wird der vom naturwissenschaftlichen Forschergeist in die Welt Getriebene durch die Entdeckung des Pesterregers, ihm zu Ehren Yersinia pestis gennant.

Deville, Schriftsteller und Weltreisender, erzählt spannend und detailreich. Es gelingt ihm, das Leben dieses außergewöhnlichen Mannes mit großer Fabulierlust in bewegenden Geschichten einzufangen und lebendig werden zu lassen. Große Literatur und ein wunderbarer, durchaus anspruchsvoller Schmöker.

 


Hari Kunzru, White Tears

Roman

Aus dem Englischen von Nicolai von Schweder-Schreiner

Liebeskind Verlag, 349 Seiten, 22,00 €

Ein Roman wie ein jazziges Blues-Album & ein guter Schluck Whisky. Carter und Seth sind Aus-der-Welt-Gefallene, der eine ein superreicher, exzentrischer Hipster, der andere ein Vorstadtniemand. Was sie verbindet ist ihre Liebe zur Musik. Ihre Remixe und Samplings sind in der New Yorker Musikszene sehr gefragt. Aus einem alten Bluessongfragment komponieren sie einen neuen Song, erfinden den Interpreten Charlie Shaw und stellen den Song ins Netz. Die Reaktionen sind phänomenal, das Lied eine Sensation. Doch dann meldet sich jemand und behauptet, Charlie Shaw gekannt zu haben - und er will die Platte um jeden Preis haben. Carter und Seth lassen sich auf ein unbekanntes Spiel mit gefährlichem Ausgang ein…

 


Patrick McGinley, Bogmail

Roman mit Mörder

Aus dem Englischen von Hans-Christian Oeser Steidl, 336 Seiten, 24,00 €

In der Ausgabe der Büchergilde Gutenberg 19,95 €

Glenkeel, ein idyllisches Örtchen an der irischen Westküste. „Eales muss vernichtet werden“, ist Pubbesitzer Roarty überzeugt, denn sein Barmann hat seine Lustfinger nach Töchterchen Cecily ausgestreckt. Der Versuch mit dem Pilzomelett schlägt fehl, also muss ein neuer Plan her. Doch kaum ist die Leiche im Moor entsorgt fangen die Probleme erst an…

Bogmail ist ein moderner Klassiker der irischen (Kriminal-) Literatur, ein satirischer Blick auf den schrägen Mikrokosmos der irischen Provinz, psychologischer Spannungsroman und dörfliche Komödie mit einer guten Prise schwarzen Humors und herrlich ausufernden Thekengesprächen. Und auch Band 25 der Encyclopedia Britannica von 1911 spielt eine gewichtige Rolle.

 


David van Reybrouck, Zink

Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert

Suhrkamp Verlag, 86 Seiten, 10,00 €

Nach seiner hochgelobten, monumentalen Studie Kongo entfaltet der Autor in diesem schmalen Bändchen ein europäisches Panorama zum Anfassen. Neutral-Moresnet, eine Mikronation, entstanden aus Grenzstreitigkeiten zwischen den Niederlanden und Preußen 1816, existierte gut 100 Jahre und spiegelt ein Stück Geschichte unserer (Grenz-) Region zwischen Krieg(en) und Völkerverständigung. Geschichte zum Anfassen, fast vor der Haustüre, die am Schicksal Emil Rixens, Sohn eines Rheyter Dienstmädchens, auf bewegende Weise erles- und erlebbar wird. Ein leider kurzes, inhaltsreiches Lektüreglück, das lange nachhallt. Und das seltene Galmei-Veilchen lädt jetzt (Blütezeit Mai bis August) ja geradezu ein zu einem Ausflug in diese historische Region um Kelmis.

 


Michael Lüders, Die den Sturm ernten

Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte

C.H. Beck, 174 Seiten, 14,95 €

Schon in seinem vor 2 Jahren erschienen Buch Wer den Wind sät – was westliche Politik im Orient anrichtet beschrieb der langjährige Nahost-Korrespondent der ZEIT sehr detailliert und hintergründig die westliche Interventionspolitik im Nahen und Mittleren Osten seit der Kolonialzeit und erklärte, was sie mit der aktuellen politischen Situation zu tun hat. Im neuen Buch legt er nun den Schwerpunkt auf den Krieg in Syrien und vieles von dem, was er im Verlauf seiner Recherche erfahren musste hätte er „am liebsten gar nicht erst gewusst – weil auf einmal vermeintliche Gewissheiten oder längst verinnerlichte Überzeugungen auf dem Prüfstand stehen", so Lüders in seinem sehr klugen Ausblick am Ende des Buches. Auch deswegen sicherlich mit das Beste, was zum Thema zu lesen ist.

 


Xavier-Marie Bonnot, Die Melodie der Geister

Ein Fall für Michel de Palma

Unionsverlag, 361 Seiten, 12,95 €

Aus dem Französischen von Gerhard Meier

Ein Leckerbissen für Liebhaber des guten Kriminalromans! Dr. Delorme, angesehener Neurologe und Sammler Primitiver Kunst, wurde ermordet, auf seinem Schreibtisch liegt aufgeschlagen Freuds Werk Totem und Tabu. Die Spuren führen einerseits in die Unterwelt von Marseille, andererseits scheint es eine Verbindung zu einer Expedition zu geben, die Delorme 60 Jahre zuvor nach Papua-Neuguinea unternommen hat. Was hat es mit der Maske aus sich, die dem Toten auf das Gesicht gesetzt wurde? Und warum fehlt ein wertvoller Schädel? De Palma ermittelt mit seinen Kollegen mal subtil, mal rasant… Bonnot versteht sein Handwerk und verwebt die Erzählstränge kunstvoll und spannend, gleichzeitig gelingt ihm ein wunderbarer Roman über Marseille und Frankreichs späte Kolonialzeit.

 


Simon Beckett, Totenfang

 Thriller, Wunderlich, 560 Seiten, 22,95 €

Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld und Karen Witthuhn

Dr. David Hunter, der genialen forensischen Anthropologen, den wir noch in bester schauriger Erinnerung haben, ist zurück. Mit dem fünften Buch erfüllt Beckett den großen Wunsch der weltweiten Fangemeinde, und er enttäuscht sie wahrlich nicht. In den Backwaters, einem unwirtlichen Mündungsgebiet in Essex, wo die Grenze zwischen Land und Wasser verschwimmt, wird eine stark verweste Wasserleiche angespült, Hände und Füße fehlen. Die Polizei glaubt zu wissen, um wen es sich handelt, Hunter hat da so seine Zweifel… Sofort wird man wieder hineingezogen in die düstere Atmosphäre der englischen Landschaften und ihrer geheimnisvollen Bewohner. Täter oder Opfer? David Hunter muss feststellen, dass die wahren Gefahren dort lauern, wo er sie am wenigsten vermutet. Ein gelungenes Comeback!

 


Navid Kermani, Sozusagen Paris

Hanser, 284 Seiten, 22,00 €

Einen Roman über die erste große Liebe seiner Jugend hat er geschrieben, der Schriftsteller: Grosse Liebe. Damals, Anfang der 80er Jahre, er ist 15, sie unerreichbare 18 Jahre alt… Nach einer Lesung in einem Provinzstädtchen steht sie plötzlich vor ihm, die ehemals Schönste des Schulhofs. Was wird aus einer großen Liebe – 30 Jahre später? Über diese zufällige Begegnung zweier am Leben und der Liebe gereiften Menschen hat Kermani einen Liebesroman der ganz eigenen, besonderen Art geschrieben, ein literarisches Kabinettstück. Literarisierte Wirklichkeit verpackt in eine andeutungs- und assoziationsreiche Erzählweise, mal banal und böse, dann wieder tiefgründig, insgesamt überraschend vielschichtig und durchaus auch witzig - ein Roman, fast wie das Leben selbst.

 


Winand Herzog, Unter Augenzwang enstand der Traum

Ein begleitender Essay zum 60. Publikationsjubiläum von Christoph Meckel. edition paroikia 2016, 60 S. mit zahlreichen farbigen Abbildungen, fadengebunden, limitierte nummerierte Auflage 150 Ex., 12 €

Christoph Meckel ist einem größeren Publikum v.a. durch den Liebesroman „Licht“ und das autobiographische „Suchbild. Über meinen Vater“ bekannt. Für seine Gedichte, gesammelt in „Tarnkappe“, erhielt er im September 2016 den wichtigen Hölty-Preis. Als Grafiker arbeitete er 50 Jahre an seiner 2000 Radierungen umfassenden „Weltkomödie“. Winand Herzog, Meckel-Ausstellungsmacher und Experte, führt mit diesem Buch in das Werk der vergangenen 60 Jahre ein und teilt eine kleine Wegstrecke mit den zahlreichen Verlorenen, die Meckels Weltränder durchwandern, spürt in dessen Bildern der selbstgewählten Primitivität des sorglosen Feuerwerkers nach und erklärt, warum Meckel eine Wirklichkeit nie genug sein kann. Sein jahrzehntelanges Sommerdomizil in Südfrankreich scheint als magisch-symbolischer Ort in diesem Essay auf, der mit Notizen zu etwa einem Dutzend zentraler Gedichtbände Meckels abschließt.

 


Carel van Schaik & Kai Michel, Das Tagebuch der Menschheit

Was uns die Bibel über unsere Evolution verrät

Rowohlt, 569 Seiten, 24,95 €

Kann es sein, dass die Bibel noch gar nicht die Aufmerksamkeit erhalten hat, die sie eigentlich verdient hätte? Ein kurioser Gedanke. Doch bemerkenswerter Weise hat bislang niemand das Buch der Bücher aus einer evolutionären Perspektive heraus gelesen. Ausgerüstet mit den neuesten Erkenntnissen der Kognitions- und Evolutionswissenschaften und gestützt auf theologische und historische Quellen zeigen die Autoren, welche tiefen Einblicke die Bibel in die Natur und Kultur des homo sapiens gewährt und liefern somit gleichzeitig den Schlüssel für ein besseres Verständnis des Menschen im Hier und Jetzt. Eine faszinierende, gut lesbare und profunde Reise voll überraschender Erkenntnisse zu den Geheimnissen unserer kulturellen Evolution.  

 


Saphia Azzeddine, Bilqiss

Aus dem Französischen von Birgit Leib

Wagenbach, 173 Seiten, 20,00 €

„Im Gegensatz zu euch spreche ich nicht in Seinem Namen. Aber ich fühle es intuitiv. Ihr verehrt Gott, Er aber hasst euch.“ Die junge, attraktive Witwe Bilqiss steht vor Gericht. Ihr droht die Steinigung, zahlreich sind die ihr zur Last gelegten Taten. Doch der Richter will kein Urteil sprechen und der Prozess gewinnt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit. Eine amerikanische Journalistin reist an, um eine große Reportage über den Fall zu machen… Dreistimmig erzählt Azzeddine diese Geschichte, leicht und ironisch im Ton und doch sehr ernst in der Sache spielt sie mit „Wahrheiten“, Zwischentöne klingen an. Vermeintliche Gewissheiten über Kulturen, Religionen, Geschlechter verschwimmen – ein kluger Roman.

 


Donald Ray Pollock, Die himmlische Tafel

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Liebeskind Verlag, 428 Seiten, 22,00 €

Donald Ray Pollock is back. Und wie! Ähnlich fulminant wie in seinem ersten Roman Das Handwerk des Teufels erzählt Pollock uns eine mitreißende, tragikomische Ballade aus dem Jahr 1917. Während im Süden Ohios Ellsworth Fiddler um sein mühsam Erspartes betrogen wurde, deswegen der Haussegen schiefhängt und nun auch noch sein Sohn verschwunden ist machen sich in Georgia die Jewett-Brüder daran, den vom verstorbenen Vater erstrebten Platz an der himmlischen Tafel schon auf Erden einzunehmen. Dazu folgen sie, auf gestohlenen Pferden und schwer bewaffnet, dem Weg ihres großen Helden Bloddy Bill Bucket, einem Bankräuber aus einem Groschenroman, neben der Bibel das einzige Buch, das die Brüder kennen… Verrückte Figuren, spannende Geschichten und bisweilen natürlich wieder düster und böse – Pollock at its best!

 


Nic Pizzolatto, Galveston

Aus dem Amerikanischen von Simone Salitter und Gunter Blank

Blanvalet, 286 Seiten, 8,99 €

Kennen Sie die kongeniale Thriller-Noir-Serie True Detective, deren Drehbuchautor Pizzolatto ist? Sollten Sie sich ansehen, die ersten beiden Staffeln gibt es jetzt, auch bei uns, auf DVD. Es lohnt sich! Und genauso lohnt es sich auch, seinen ersten Roman zu lesen.

Roy Cady Leben verläuft normalerweise in geregelten Bahnen. Für seinen Boss Stan Ptitko, eine Größe der Unterwelt von New Orleans, erledigt er die Drecksarbeit. Bis zu jenem schicksalhaften Tag, an dem ein Arzt ihm morgens Lungenkrebs diagnostiziert und sein Boss ihn abends wegen einer Eifersuchtsgeschichte umlegen lassen will. Mit der minderjährigen Prostituierten Rocky flieht er nach Galveston, einer osttexanischen Küstenstadt...

Unvorhersehbar, manchmal düster und gewalttätig, dann wieder mir melancholischer Anmut erzählt uns Pizzolatto hier eine tragische Geschichte, deren Ausgang bis auf die letzten Seiten ungewiss bleibt. Die großartige Übersetzung ist atmosphärisch dicht und bringt diesen white-trash-Roman auch in sprachlicher hinsicht zum Leuchten.

 


Harald Welzer, Die smarte Diktatur - Der Angriff auf unsere Freiheit

Sachbuch, S. Fischer, 319 Seiten, 19,99 €

Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren fast unmerklich, aber radikal, verändert. Noch dominiert die „smarte“ Industrie nicht unseren Alltag, aber ihr Einfluss wächst stetig. Klarsichtig und komplex analysiert Welzer Zusammenhänge zwischen scheinbar unverbundenen Themen wie big data, Internet der Dinge, Industrie 4.0, Landraub, Migration und Klimawandel. Dabei ist der Direktor der futurzwei-Stiftung der Uni Flensburg keineswegs technologiefeindlich und widersprechen kann man in dem einen oder anderen Fall sicher auch. Aber er ruft dazu auf, Zukunft zu wagen und zeigt Alternativen und Handlungsmöglichkeiten. Eine gut lesbare, umfassende Diagnose der Gegenwart für alle politisch interessierten Menschen, eine Orientierung im Dschungel der Widersprüche.

 


Alex Perry, In Afrika - Reise in die Zukunft

Aus dem Englischen von Michael Bischoff

S. Fischer, 543 Seiten, 24,99 €

Afrika kennen die meisten von uns aus den Katastrophenmeldungen der Abendnachrichten. Alex Perry, seit über zehn Jahren Auslandskorrespondent des Time Magazin in Afrika, lässt uns einen Blick hinter die Kulissen werfen. Seine aktuellen Reisereportagen der letzten Jahre ergänzt er um Skizzen zur afrikanischen Frühgeschichte, Exkurse zur arabischen und europäischen Kolonialgeschichte und einer Einführung in die jüngere Geschichte des (schwarzen) Kontinents. Entstanden ist ein spannendes, informatives und gut lesbares Buch, das mit Kritik an gewissen Entwicklungen und Zuständen (Entwicklungshilfe, UNO, NGOs) nicht spart. Gleichzeitig bietet es aber auch einen Blick auf die positiven Entwicklungen eines neuen Afrika.

 


Juan Gabriel Vásquez, Die geheime Geschichte Costaguanas

Aus dem Spanischen von Susanne Lange

Roman, Fischer Taschenbuch, 334 Seiten, 9,99 €

Im trüben Londoner Exil des Jahres 1924 verfasst der gebürtige Kolumbianer José Altamirano seine abenteuerliche Lebensbeichte. Er ist davon überzeugt, dass der große Romancier Joseph Conrad ihm seine Familiengeschichte, die er ihm vor 20 Jahren erzählt hat, gestohlen und im Roman Nostromo verarbeitet hat. Um ihn zu überbieten zieht Altamirano alle Register und erzählt uns die ganze Geschichte noch einmal aus seiner Sicht. Einhundert Jahre kolumbianischer Geschichte, geprägt vom Bau des Panamakanals. Eine wunderbare Hommage an die Tradition des Abenteuerromans von einer der originellsten Stimmen der jüngeren lateinamerikanischen Literatur.

 


Christoph Peters, Der Arm des Kraken

Roman, Luchterhand, 19,99 €

Ein toter tätowierter Japaner im Erich-Mühsam-Park im Osten von Berlin, eigentlich Hoheitsgebiet der vietnamesischen Mafia. Droht ein neuer Bandenkrieg? Während Kommissarin Annegret Bartsch, seit 15 Jahren im Berliner Vietnamdezernat, die Ermittlungen aufnimmt, macht sich auch der Yakuza Fumio Onishi auf seine blutige Suche nach dem Mörder und den Hintermännern (oder -frauen?) der Tat. Wird es Bartsch gelingen, ihm eine Falle zu stellen? Virtuos montiert Peters die linear erzählte Tätersuche des Yakuza mit den inneren Monologen der Kommissarin und entführt uns so in einen  vietnamesische Parallelgesellschaft im Ostberliner Szeneviertel Prenzlauer Berg.

 


Daniel Woodrell, Tomatenrot

Aus dem Englischen von Peter Torberg

Roman, Liebeskind, 221 Seiten, 20,00 €

Bekannt geworden ist Daniel Woodrell vor 5 Jahren durch seine Romanvorlage zum Film Winters Bone. Nun legt der Liebeskindverlag mit Tomatenrot einen älteren, von Peter Torberg exzellent übersetzen, Roman vor, der, auch wegen seiner Erzählperspektive, lange nachhallt.

Sammy Barlach, Mitte zwanzig, ist white trash, ein Verlierer, der durchs Leben stolpert und sich mit den falschen Leuten einlässt. Bei einem gescheiterten Einbruchversuch lernt er die neunzehnjährige, rothaarige Jamalee und ihren Bruder Jason kennen. Jamalee hat Pläne, sie will mit ihrem Bruder raus aus dem Elend in Venus Holler, und auch Sammys Leben könnte sich zum Positiven wandeln. Nur gehen die Geschichten in dieser Welt leider selten gut aus…

 


Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Roman, Kiepenheuer & Witsch, 347 Seiten, 21,99 €

Lange erwartet und endlich da, der dritte Teil der Alle Toten-Trilogie von Joachim Meyerhoff. Die Kindheit auf dem Gelände einer riesigen Psychiatrie und das Austauschjahr in Amerika liegen hinter ihm, der gerade zwanzig gewordene Erzähler bereitet sich auf den Antritt des Zivildienstes vor, als das Unerwartete geschieht: Er wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht in die großbürgerliche Villa zu seinen Großeltern nach Nymphenburg. Sie immer noch schillernde Diva, der Großvater emeritierter Professor der Philosophie und unser Ich-Erzähler ein überforderter Schauspielschüler. Mit einem lachenden und einem weinenden Auge verfolgen wir gebannt den Irrungen und Wirrungen des Zöglings Meyerhoff, wie immer begnadet und pointiert erzählt...

 


Oliver Harris, London Underground

Aus dem Englischen von Gunnar Kwisinski

Thriller, Heyne, 445 Seiten, 9,99 €

Detective Nick Belsey ist zurück! Wie schon in London Killing überrascht Harris uns mit einer ungewöhnlichen, gut recherchierten und rasanten Geschichte. Bei der Verfolgung eines Verdächtigen entdeckt Belsey ein mysteriöses Tunnelsystem unter London, dessen Ursprung in die Zeit des Kalten Krieges zurückreicht. Als eine junge Frau dann anscheinend von dem Unbekannten entführt wird beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Belsey führen seine fieberhaften Ermittlungen in diesem Katz-und-Maus-Spiel hart an der Grenze zur Illegalität. Denn er muss seinen Kollegen immer einen Schritt voraus sein, um zu vertuschen, dass er selber in den Fall verwickelt ist...

 


Marcello Fois, Schwestern - Die alte Geschichte

Wagenbach SALTO, 134 Seiten, 15,90 €

Aus dem Italienischen übersetzt von Esther Hansen

Sie sind immer wieder ein Augenschmaus und ein haptischer Genuss, die in rotes Leinen gebunden Bände aus der SALTO-Reihe, und inhaltlich literarische Perlen!

Papa ist tot – und nun? 40 Jahre, nachdem er sie verlassen hat, treffen sich die ungleichen Zwillingsschwestern Alessandra und Marinella in der verwaisten Wohnung ihres verstorbenen Vaters. Was folgt, ist ein furioser, spitzzüngiger Dialog: die unterschiedliche Wahrnehmungen der beiden und „falsche“ Erinnerungen münden in köstliche Gemeinheiten und kleine, „grausame“ Geheimnisse werden offenbar, sie reden sich um Kopf und Kragen - bis zum überraschenden Ende. Das liest sich bisweilen zärtlich-traurig und tragisch, für uns aber ist es ein hochkomisches Lesevergnügen der besonderen Art.

 


Matt Ruff, Mirage

dtv, 491 Seiten, 11,95 €

Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini

In seinem packenden Parallelwelt-Roman stellt Matt Ruff die Welt buchstäblich auf den Kopf. Nicht die U.S.A waren am 11.09.2001 Ziel eines terroristischen Anschlags, am 9.11.2001 wurden die Vereinigten Arabischen Staaten angegriffen: Zwei Flugzeuge fliegen in die Türme des Welthandelszentrums in Bagdad, ein drittes in das arabische Verteidigungsministerium in Riad, ein viertes stürzt in der Wüste ab. Acht Jahre später gelingt es Mustafa al-Bagdadi, Bundesagent für Innere Sicherheit, einen christlichen Selbstmordattentäter zu verhaften. Von ihm erfährt er Unglaubliches… Geschichte umzuschreiben, zumal jüngere, ist immer ein Wagnis. Ruff meistert das bravourös und legt einen provokanten, spannenden und unterhaltsamen Roman vor, der zwischen den Zeilen durchaus auch Nachdenkliches bietet.

 


Alan Carter, Prime Cut

Edition Nautilus, 366 Seiten, 19,90 €  

Aus dem australischen Englisch von Sabine Schulte

Für mich die Krimi-Entdeckung des Frühjahrs! A little hard-boiled und humorvoll erzählt, authentische Charaktere und eine atmosphärisch dichter, gut entwickelter Plot in einer sehr guten Übersetzung, das ist Alan Carters Kriminalroman Prime Cut. Hopetoun, Australien. Ein an den Strand geschwemmter menschlicher Torso könnte dem in Ungnade gefallenen Detective Cato Kwong Gelegenheit geben, sich zu rehabilitieren. Gleichzeitig beschäftigt ein Cold Case die Polizei: ein Mann, der vor 30 Jahren in England seine Familie bestialisch ermordet hat, scheint in Australien untergetaucht zu sein…

 


Jens Berger, Wem gehört Deutschland?

Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen

218 Seiten, 9,99 €, Piper Verlag

„Pflichtlektüre für Denker“ schreibt die FR. Denn obwohl der Titel vielleicht etwas reißerisch daherkommt: Berger skizziert hier in verständlicher und gut lesbarer Form nicht nur Vermögens- und Immobilienbesitz und daraus resultierende Ungleichheiten in Deutschland, er zeigt auch auf, wo diese internationale Entwicklung ihren Anfang nahm und wie sie sich unter anderem zur Bankenkrise entwickelt hat. Er wirft einen schonungslosen Blick hinter die Statistiken und zeigt politische Zusammenhänge auf, ein aufklärerisches Buch im besten Sinne. Gute Argumente gegen angebliche Alternativlosigkeiten und für die Notwendigkeit von UmFAIRteilungen. Pflichtlektüre für politisch denkende Menschen.

 


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