Unsere Lektüretipps:

Johanna Adorján, Meine 500 besten Freunde

Kategorie: Empfehlungen

Roman, 250 Seiten, btb, 9,99 €

"Stories", so der Untertitel des neuen Buches von Johanna Adorján, das sind unterhaltsam-literarische short-cuts der Berliner Boheme der 2010er Jahre, die Generation Facebook auf der Suche nach sich selbst. Ein Vernissagebesuch mit Hindernissen (Prosopagnosie), eine angetrunkene Jungschauspielerin bei einer Filmpreisverleihung, ein Restaurantbesuch mit Promifaktor oder eine Yogalehrerin mit Gedankentourette - gekonnt spannt die Autorin die Spannungsbögen ihrer alltäglichen Geschichten, die aber bisweilen mit dem letzten Satz auch böse (oder überraschend) enden können.

Diesem gänzlich anderen Sujet als in ihrem erfolgreichen und anrührenden Buch "Eine exklusive Liebe" widmet sich Johanna Adorján treffender Stilistik und gleicher Könnerschaft. Außerdem ist dieses "blaue" Buch auch noch ein Schmaus für Hand und Auge...

Joachim Meyerhoff, Alle Toten fliegen hoch - Amerika

Kategorie: Empfehlungen

KiWi 1277, 9,99 €, 321 Seiten

Ein 17jähriger Icherzähler Mitte der 80er Jahre auf der Suche nach Unabhängigkeit und Freiheit. Aus dem beschaulichen Schleswig in die große, weite Welt - ein Jahr als Austauschschüler in den U.S.A. soll ihn diesem Traum ein Stück näherbringen. Meyerhoff legt hier einen furiosen (autobiografischen) Entwicklungsroman vor, voller komischer, bisweilen aber eben auch sehr tragischer Momente, sensibel, ironisch und witzig. Und wem die Lektüre dieses ersten Teils einer geplanten Trilogie so viel Spaßgemacht hat wie mir kann sofort weiterlesen: "Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war" erzählt Geschichten aus seiner Kindheit (und Jugend) als Sohn eines Anstaltsdirektors einer Kinder- & Jugendpsychiatrie - & das Elternhaus liegt mitten auf dem Anstaltsgelände...

Gruber/ Oberhummer/ Puntigam, Science Busters - Wer nichts weiß, muss alles glauben

Kategorie: Empfehlungen

Goldmann, 9,99 €, 236 Seiten, ISBN 978-3-442-15776-1

Interessant und wunderbar unterhaltsam präsentieren hier ein Neurophysiker, ein Kern- und Astrophysiker und ein Kabarettist Geschichten über „das Leben, das Universum und den ganzen Rest“ (frei nach Douglas Adams). Sie erklären, warum Beten tödlich sein kann, was Orgasmus und Wchkoma gemeinsam haben, wie man auf Wasser läuft, was das Bakterium Deinococcus radiodurans mit dem Kinderliedklassiker „It´s a Small World“ und Alpakakot zu tun hat und Vieles mehr, denn: vor der Physik sind wir alle gleich, auch die Außerirdischen. Das ist fachkundige Wissenschaftssatire und Horizonterweiterung auf vergnüglichem Niveau.

Deon Meyer, Rote Spur

Kategorie: Empfehlungen

Roman, Aufbau Taschenbuch, 639 Seiten, ISBN 978-3-7466-2924-7, 9,99 €,

aus dem Afrikaans übersetzt von Stefanie Schäfer Südafrika 2009.

Droht wirklich ein islamistischer Terroranschlag am Kap oder sind die Gerüchte nur dem Ränke- und Intrigenspiel der Geheimdienste geschuldet? Und was hat der illegale Nashorntransport aus Simbabwe damit zu tun? In seinem achten Kriminalroman verbindet Meyer gekonnt Elemente des Spionageromans mit denen des Politthrillers, würzt sozialkritisch nach und zeigt uns außerdem, wie Südafrika riecht, schmeckt und klingt. Unwiderstehlich, tragisch, komisch. Das ist große Krimiunterhaltung mit dem soliden Mehrwert tagespolitischer Aktualität.

Charles Lewinsky, Gerron

Kategorie: Empfehlungen

Roman, dtv, 539 Seiten, ISBN 9783423142502, 12,90 €

Gerron, bürgerlich Kurt Gerson, ist Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre der Unterhaltungsregisseur der Ufa. Sie kennen ihn vielleicht als Schauspieler aus "Der blaue Engel" an der Seite von Marlene Dietrich (ja, genau, der Dicke mit den Glubschaugen!). 1944 wartet seine letzte großer Regiearbeit auf ihn. Rahm, Lagerkommandant von Theresienstadt, will einen Film gedreht haben. Seinen Film. Aber nicht so etwas Privates wie die Ufa das mit dem Rühmann für den Herrn Propagandaminister macht. Nein. Ein Film über das "gute Leben" im Lager soll es werden, ein netter Film, den man dann z.B. dem Roten Kreuz zeigen kann. Hat Gerron eine Wahl wenn der Herr Obersturmführer so nett fragt...?

In dieser inszenierten, sprachlich virtuos geschriebenen, Biographie läßt Lewinsky Kurt Gerron rückblickend sein Leben erzählen. Kindheit und Jugend, das Notabitur und der Erste Weltkrieg, die Hungerzeit danach und die steile Karriere in der Weimarer Republik. Die Flucht und das Exil, die Verhaftung und die Deportation. Und immer wieder seine große Liebe Olga. Ein atemberaubender Roman, der uns Lachen und Weinen läßt.

Ursual Krechel, Shanghai fern von wo

Kategorie: Empfehlungen

Roman, btb, 504 Seiten, ISBN 9783442740611, 10,99 €

Der erste große Roman der diesjährigen und verdienten Trägerin des Deutschen Buchpreises jetzt im Taschenbuch. Exilschicksale österreichicher und deutscher Juden - für Tausende von ihnen ist Shanghai 1938 die letzte Rettung. Mit einem Koffer und 10 Reichsmark, ohne Visum und ohne Illusionen, lernen sie mit Erfindungsgabe und Tatkraft das Überleben in dieser überfüllten Stadt mit ihrem ungewohnten Klima.

Auf Basis langjähriger Recherchen komponiert Krechel mit lyrischer Sprachkraft ein Erzählepos, dessen Protagonisten uns viel näher stehen, als es Zeiten und Umstände vermuten lassen. Ob allerdings die Frühlingsrolle wirklich so erfunden wurde wie im bewegenden und vielstimmigen Roman erzählt weiß ich nicht...

Hallgrímur Helgason, Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

Kategorie: Empfehlungen

Roman, dtv, 271 Seiten, ISBN 978342321318, 9,95 €, aus dem Isländischen übersetzt von Kristof Magnusson

"Ein Buch, bei dem man bei jeder dritten Seite das dringende Bedürfnis hat, jetzt mal eben einem anderen eine Stelle vorzulesen, damit der mitlachen kann." sagt Christine Westermann. Ein Lachen allerdings, das manchmal auch im Hals steckenbleiben kann. Denn es läuft nicht gut für Toxic, Auftragskiller der kroatischen Mafia in New York. Er hat seinen letzten Job versiebt, das FBI ist ihm auf den Fersen. Am Flughafen muss er seine Fluchtpläne ändern und landet, als Priester "verkleidet", in Island. Dort erwartet ihn allerdings ein evangelikaler Fernsehprediger, der den "Kollegen" in seine Sendung eingeladen hat. Und zu allem Überflüss verliebt Toxic sich in das schwarze Schaf der Familie...

Ein furioses Road-Movie, ein wenig hard-boiled und beißend komisch, schräg, verrückt und rasant erzählt. Ich konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen.

Frank Schulz, Onno Viets und der Irre vom Kiez

Kategorie: Empfehlungen

Roman, rororo, 366 Seiten, ISBN 9783499259739, 9,99 €

Onno Viets, Mitte 50, passionierter Tischtennisspieler, Hartz IV und das Finanzamt sitzt ihm im Nacken. Außerdem möchte er seiner Liebsten ein neues Fahrrad zum Geburtstag schenken. Und im Fernsehen sah das Leben als Privatdetektiv eher unspektakulär aber interessant aus. Sein zweitbester Freund aus der Tischtennisrunde, ein Anwalt (und der Erzähler des Romans), sorgt auch gleich für den ersten, vermeintlich harmlosen Fall: die Beschattung von Fiona, der aktuellen Flamme des Poptitans Nick Dolan, der sie der Untreue verdächtigt...

Parodie, Slapstick, Pulp Fiction - daraus mixt Frank Schulz mit sprachlicher Raffinesse einen Roman, bei dem jede einzelne "Zutat" zur Geltung kommt. Ein Kiezroman, der unsere Erwartungshaltung(en) problemlos unterläuft und uns verblüfft und überwältigt zurücklässt, das witzigste und unterhaltsamste Buch seit langem, Tiefgang inklusive.

Peter Goldsworthy, Nacht für drei Hunde

Kategorie: Empfehlungen

Roman, dtv, 348 Seiten, ISBN 9783423140317, 9,90 €, aus dem Englischen übersetzt von Susanne Costa

Ein Psychiater reist in die Traumzeit?! Ein mitreißendes und aufwühlendes Buch über Liebe & Eifersucht, ein Gesellschaftsroman und ein Reisebuch vor der überwältigenden Kulisse der australischen Natur. Martin kehrt mit seiner englischen Frau Lucy nach 10 Jahren zurück nach Australien. Sein ältester und bester Freund Felix verhält sich beim Besuch ablehnend und unverschämt. Warum? Auf Lucys Geburtstagsparty erfahren die beiden, dass Felix unheilbar krank ist. Ihre Hilfsangebote weist er zurück, konfrontiert die beiden dann aber mit einem ungeheuren letzten Wunsch. Können sie dem Sterbenskranken diesen Wunsch abschlagen...?

Hier trifft abendländische Philosophie auf die Mythen der Traumzeit, ein Roman, der vielfarbig von einer Welt erzählt, scheinbar fremd und dennoch seltsam vertraut.

Sibylle Lewitscharoff, Apostoloff

Kategorie: Empfehlungen

Roman, SuhrkampTB, 248 Seiten, ISBN 9783518461808, 8,90 €

Preis der Leipziger Buchmesse 2009, jetzt als Taschenbuch erschienen. Ein wunderbar literarisches Roadmovie der besonderen Art, eine Reise durch Bulgarien auf dem Rücksitz eines koreanischen Kleinwagens, an der Seite des Fahrers Apostoloff die Schwester der Erzählerin. Eine erste Reise im Limousinenkonvoi von Stuttgart (via Adria) nach Sofia (mit den Leichen von 19 Exilbulgaren), das Aufwachsen im Stuttgart der späten 60er frühen 70er Jahre, der Selbstmord des Vaters...

Das alles (& noch viel mehr) packt Lewitscharoff in ihren wirklich tollen Roman, eine Sprachkünstlerin schafft Bilder selten gelesener Intensität, sprühende, vergnüglich knisternde Literatur, die bisweilen auch mit bösem Witz und Ingrimm daherkommt.

Christoph Poschenrieder, Die Welt ist im Kopf

Kategorie: Empfehlungen

Roman, detebe, 352 Seiten, ISBN 978325724086, 10,90 €

Poschenrieder gelingt mit seinem hintergründig-witzigen Roman ein sprachlich elegantes Debüt. Der historische Rahmen der Geschichte ist verbürgt. Der junge Arthur Schopenhauer hat gerade sein Opus Magnum "Die Welt als Wille und Vorstellung", mit dem er die Welt der Philosophie aus den Angeln zu heben gedenkt, abgeschlossen und liegt mit seinem Verleger Brockhaus überquer. Mit den Verlagsvorschuß in der Tasche bricht er von Dresden aus mit der Postkutsche nach Italien auf. Doch der Aufenthalt in Venedig verlängert sich unerwartet, denn die junge Glasbläserin, die er kennenlernt weckt Gefühle in ihm, die nicht in sein philosophisches Konzept zu passen scheinen. Außerdem könnte er doch auch noch, auf Empfehlung Goethes, den berühmten Lord Byron besuchen.

Spannend und äußerst unterhaltsam gelingt es dem studierten Philosophen und gelernten Journalisten Christoph Poschenrieder Lust auf Schopenhauer zu machen, der hier so ganz ander und aktueller ist, als wir ihn uns gemeinhin vorstellen.

Pankaj Mishra, Aus den Ruinen des Empires - Die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens

Kategorie: Empfehlungen

S. Fischer, 448 Seiten, 26,99 €, ISBN 978-3-10-048838-1, übersetzt von Michael Bischoff

Ein sehr lesbares und ebenso lesenswertes Buch, entschleiert Mishra doch unseren eurozentrischen Blick und entlarvt den „gelehrten westlichen Aberglauben“ hinsichtlich eines kraftstrotzenden Westens, der ein schläfriges Asien hinter sich gelassen hat. Asien, hier verstanden als Naher und Ferner Osten, also die Welt jenseits der Ägais und, Ägypten eingeschlossen, aller östlichen Staaten – Länder, denen gemeinsam ist, dass sie unter dem westlichen Imperialismus zu hatten (und haben). Eine moderne Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, wie sie die Mehrheit der Weltbevölkerung erfahren musste, die aber erstaunlich früh sehr hellsichtige, moderne und eigenständige Positionen antikolonialen Denkens hervorgebracht hat. Ein Buch das hilft, die Welt in ihren Zusammenhängen besser zu verstehen und die Wurzeln aktueller (internationaler) Konflikte besser zu begreifen!

Adrian McKinty, Der katholische Bulle

Kategorie: Empfehlungen

Suhrkamp Verlag, st 4523, 384 Seiten, 9,99 €, aus dem Englischen von Peter Torberg

Es ist immer wieder eine Freude, einen Krimi aus dem Suhrkamp-Verlag zu lesen. Regelmäßig finden sich die Titel - zu Recht - auf den Krimi-Bestenlisten wieder, qualitativ hochwertige Krimiunterhaltung ist garantiert. So auch in diesem Fall: Nordirland, Anfang der 80er Jahre. Detective Sergeant Sean Duffy hat alle Hände voll zu tun, denn zu den Sondereinsätzen wegen der Unruhen in Belfast muss er jetzt noch zwei Morde aufklären. Der Beginn einer Mordserie oder eine (vertuschte) Hinrichtung eines Verräters der IRA? Atmosphärisch dicht treibt McKinty die Handlung bis zum furiosen Showdown voran, witzig-kluge Dialoge und ein gut konstruierter Plot erfreuen Herz und Geist des Lesers und die gute Übersetzung tut ein Übriges. Wie schon mit der Todes-Trilogie weiß der Autor auch in diesem Fall wieder zu überzeugen, Chapeau Mr McKinty!

Achim Konejung, Das Rheinland und der Erste Weltkrieg

Kategorie: Empfehlungen

Aufmarschgebiet – Heimatfront – Besatzungszone

Regionalia Verlag, 19,95 € ISBN 978-3-939722-90-8

In akribischer Arbeit hat der gebürtige Krefelder Konejung Bilder und Postkarten zusammengetragen und mit sachkundigen Texten versehen. Ergänzt werden diese durch aktuelle Fotos (z.B. von Denkmälern) und hintergründigen Essays des Autors, die alleine schon den Kauf des Buches lohnen. Während andere Bücher zum Thema versuchen nur große Zusammenhänge und Hintergründe zu erklären bleibt er auch persönlich und lokal. Warum hat der Opa ein Auge in den Alpen verloren, fragt sich der Fünfjährige 1962, und hat das vielleicht etwas mit den zerstörten Nachbarhäusern zu tun? Die Welt der Erwachsenen ist unverständlich, Fragen werden nicht beantwortet und ein Umzug der Familie nach Antwerpen wirft neue auf. Daraus folgt später die intensive Beschäftigung mit der Geschichte des Rheinlandes und der Schlachtfelder der beiden Weltkriege. Sehr lesenswert auch das Kapitel über die Aufrüstung der Eifel, denn in den Jahren 1909-13 wurden hier strategische Eisenbahnlinien für den „Aufmarschplan West“ gebaut. Für mich eine der lesenswertesten Neuerscheinungen zum "Großen Krieg", wie ihn unsere europäischen Nachbarn zu Recht nennen.

Eva Menasse, Quasikristalle

Kategorie: Empfehlungen

Roman, Kiepenheuer & Witsch, 425 Seiten, 19,99 €, ISBN 978-3-462-04513-0

Was wissen wir wirklich von uns selbst? Und was vom anderen? Vielstimmig und aus verschiedenen Perspektiven erzählt Eva Menasse aus dem Leben einer Frau. Ein dramatisch-pubertärer Sommer mit der besten Freundin wird geschildert, ein ehemaliger Vermieter beobachtet misstrauisch, eine Kinderwunschärztin plaudert aus ihrer Praxis – später kommt auch die pubertierende Stieftochter zu Wort und schließlich natürlich die Protagonistin selbst, die ein offenes Ohr für ihre Freundinnen hat und ihr(e) Leben reflektiert. Menasse hat einen unbestechlichen Blick für die Frauen in unserer Gesellschaft, ihre Stärken und Schwächen, Ängste und Sehnsüchte.Ein (lebens-)kluger Roman, poetisch und unterhaltsam, ein modernes Frauenleben in dreizehn Kapiteln, oder besser: Geschichten.

Jetzt auch als btb für 9,99 €!

Thomas Meyer, Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse

Kategorie: Empfehlungen

detebe 24280, 10,90 €, 280 Seiten

Sollte Ihnen "öffentliches" Lachen peinlich sein lesen Sie dieses Buch bitte nur zu Hause. Denn Meyer gelingt mit diesem witzigen und klugen, mit Jiddischen Einsprengseln gespickten Entwicklungsroman eines jungen orthodoxen Züricher Juden ein wunderbar-unterhaltsames Stück Literatur. Mordechai Wolkenbruch, 25 Jahre und von seiner mame immer noch Motti genannt, hat ein Problem: alle Heiratskandidatinnen, mit denen sie ihn verkuppeln möchte, sehen aus wie sie. Ganz im Gegensatz zu Laura, der hübschen Kommilitonin an der Uni, deren wohlgeformter tuches (Po, Hintern) in der engen Jeans ihm schlaflose Nächte bereitet. Leider ist sie eine schickse, Beziehung oder gar Heirat völlig ausgeschlossen! Doch Motti emanzipiert sich, die neue Brille und der abrasierte Bart sind da nur der Anfang...


Winand Herzog, Ochsentour

Kategorie: Empfehlungen

Anekdotischer Roman aus der Welt des Humanismus

Büro für Realitätsdesign, Mönchengladbach, 241 Seiten, 15,00 € ISBN 9783930509799

Was für eine vergnügliche Lektüre! Schon im ersten Satz grüßt Kafka und der Amtsschimmel wiehert, Intrigen werden gesponnen und Paragraphen geritten. Closterflühm, Mitte der 70er, Anfang der 80er Jahre: Assessor Prokop findet Anstellung am lokalen Justinianum, Mailänder ist sein Schuldirektor und Oberbürgermeister. Vor dem Hintergrund realer Ereignisse erzählt Winand Herzog, selber 35 Jahre Lehrer an einem Mönchengladbacher Gymnasium, Geschichten aus dem (Schul-)Alltag, Ähnlichkeiten mit lebenden (oder verstorbenen) Personen sind nicht rein zufällig…

Lafcadio Hearn, Chita

Kategorie: Empfehlungen

Eine Erinnerung an Last Island

Roman, Jung und Jung, 133 Seiten, 17,90 €

Aus dem Englischen übersetzt und herausgegeben von Alexander Peschmann

Eine Wiederentdeckung, ein poetisches Juwel ist dieses schmale Buch von Lafcadio Hearn (1850-1904). Dazu trägt sicher auch die wunderbare Übersetzung von Alexander Peschmann bei, der das Buch auch mit einem sehr lesenswerten, das bewegte Leben des Autors schildernden Nachwort versehen hat.

Die Bayous im Mündungsdelta des Mississippi sind die grandiose Naturkulisse des Romans. Nach einem verheerenden Hurricane rettet der Fischer Feliu ein kleines Mädchen vor dem Ertrinken aus den Armen seiner toten Mutter. Er und seine Frau Carmen geben ihr ein neues Zuhause, einen neuen Namen: Conchita. Doch das schicksalhafte Glück, das sie teilen, während der Sturm Familien zerrissen und Leben zerstört hat, ist zerbrechlich… Eine berührende, mitreißende Lektüre. Hugo von Hofmannsthal urteilte: "Unerschöpflich sind diese Bücher. Wie ich sie aufblättere, ist es mir beinahe unbegreiflich, zu denken, daß sie wirklich unter den Deutschen noch fast unbekannt sein sollen."


Eugen Ruge, In Zeiten des abnehmenden Lichts

Kategorie: Empfehlungen

Roman einer Familie

rororo, 425 Seiten, 9,99 €

Sollten Sie diesen großartigen, "gepriesenen" Roman (Alfred-Döblin-Preis 2009, aspekte-Literaturpreis und Deutscher Buchpreis 2011) noch nicht gelesen haben: er ist hiermit wärmstens empfohlen!

Der kürzlich erfolgte Hinweis eines Kollegen auf eine sehr kluge, gleichzeitig aber auch witzige Rede des Autors zum Thema "Preisträgerei" ließ mich aufmerken, neugierig werden. Und von der ersten Seite an packte mich dieser "Familienroman" und nahm mich mit auf eine Reise durch ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte - reif, humorvoll, menschlich.

Alle damals vom Feuilleton gesungenen Hymnen hat diese Buch verdient, alle Auszeichnungen wohl auch. Und ich freue mich schon, wenn im Mai das neue Buch von Eugen Ruge erscheint, seine Reisereportagen der letzten Jahre. Denn mit solch einem wachen, klugen Geist werde ich gerne auf Reisen gehen.

Peter Richter, 89/ 90

Kategorie: Empfehlungen

Roman, 411 Seiten, 19,99 €, Luchterhand Literaturverlag

Der laue Mai 1989 in Dresden. Nächtliche Freibadausflüge drücken unserem 16jährigen Icherzähler den Kopf vor Müdigkeit auf die Schulbank. Partys werden folgen, Küsse & Klassenarbeiten, Konzertbesuche und der „vormilitärische Unterricht“…und ein Herbst, der die Welt verändern sollte. Vom letzten Jahrgang, der das alles noch mitmachen durfte erzählt Richter herrlich authentisch, gibt Einblicke in DDR-Subkulturen und lässt uns hautnah und aus ungewöhnlicher Perspektive die Zeit der „Wende“ miterleben – Erwachsenwerden im Schatten der Weltgeschichte. Ein intelligentes, berührendes und manchmal sehr witziges Buch vom New Yorker Kulturkorrespondenten der Süddeutschen Zeitung. Unterhaltsame Fußnoten klären noch über die eine oder andere Abkürzung auf oder geben Hintergründiges zum Besten und im Text finden sich einige kreative Wortschöpfungen ("Schimmelmenschen") made in GDR. Höchst unterhaltsam, sprachlich sehr gelungen - mit einigen nachdenklichen Momenten, denn mit dem ´Rausch der Freiheit´ geht, dank unserem aufmerksamen Chronisten, gleichsam der ´Kater´ einher.

Jens Berger, Wem gehört Deutschland?

Kategorie: Empfehlungen

Die wahren Machthaber und das Märchen vom Volksvermögen

218 Seiten, 9,99 €, Piper Verlag

„Pflichtlektüre für Denker“ schreibt die FR. Denn obwohl der Titel vielleicht etwas reißerisch daherkommt: Berger skizziert hier in verständlicher und gut lesbarer Form nicht nur Vermögens- und Immobilienbesitz und daraus resultierende Ungleichheiten in Deutschland, er zeigt auch auf, wo diese internationale Entwicklung ihren Anfang nahm und wie sie sich unter anderem zur Bankenkrise entwickelt hat. Er wirft einen schonungslosen Blick hinter die Statistiken und zeigt politische Zusammenhänge auf, ein aufklärerisches Buch im besten Sinne. Gute Argumente gegen angebliche Alternativlosigkeiten und für die Notwendigkeit von UmFAIRteilungen. Pflichtlektüre für politisch denkende Menschen.

Alan Carter, Prime Cut

Kategorie: Empfehlungen

Edition Nautilus, 366 Seiten, 19,90 €  

Aus dem australischen Englisch von Sabine Schulte

Für mich die Krimi-Entdeckung des Frühjahrs! A little hard-boiled und humorvoll erzählt, authentische Charaktere und eine atmosphärisch dichter, gut entwickelter Plot in einer sehr guten Übersetzung, das ist Alan Carters Kriminalroman Prime Cut. Hopetoun, Australien. Ein an den Strand geschwemmter menschlicher Torso könnte dem in Ungnade gefallenen Detective Cato Kwong Gelegenheit geben, sich zu rehabilitieren. Gleichzeitig beschäftigt ein Cold Case die Polizei: ein Mann, der vor 30 Jahren in England seine Familie bestialisch ermordet hat, scheint in Australien untergetaucht zu sein…

Matt Ruff, Mirage

Kategorie: Empfehlungen

dtv, 491 Seiten, 11,95 €

Deutsch von Giovanni und Ditte Bandini

In seinem packenden Parallelwelt-Roman stellt Matt Ruff die Welt buchstäblich auf den Kopf. Nicht die U.S.A waren am 11.09.2001 Ziel eines terroristischen Anschlags, am 9.11.2001 wurden die Vereinigten Arabischen Staaten angegriffen: Zwei Flugzeuge fliegen in die Türme des Welthandelszentrums in Bagdad, ein drittes in das arabische Verteidigungsministerium in Riad, ein viertes stürzt in der Wüste ab. Acht Jahre später gelingt es Mustafa al-Bagdadi, Bundesagent für Innere Sicherheit, einen christlichen Selbstmordattentäter zu verhaften. Von ihm erfährt er Unglaubliches… Geschichte umzuschreiben, zumal jüngere, ist immer ein Wagnis. Ruff meistert das bravourös und legt einen provokanten, spannenden und unterhaltsamen Roman vor, der zwischen den Zeilen durchaus auch Nachdenkliches bietet.

Marcello Fois, Schwestern - Die alte Geschichte

Kategorie: Empfehlungen

Wagenbach SALTO, 134 Seiten, 15,90 €

Aus dem Italienischen übersetzt von Esther Hansen

Sie sind immer wieder ein Augenschmaus und ein haptischer Genuss, die in rotes Leinen gebunden Bände aus der SALTO-Reihe, und inhaltlich literarische Perlen!

Papa ist tot – und nun? 40 Jahre, nachdem er sie verlassen hat, treffen sich die ungleichen Zwillingsschwestern Alessandra und Marinella in der verwaisten Wohnung ihres verstorbenen Vaters. Was folgt, ist ein furioser, spitzzüngiger Dialog: die unterschiedliche Wahrnehmungen der beiden und „falsche“ Erinnerungen münden in köstliche Gemeinheiten und kleine, „grausame“ Geheimnisse werden offenbar, sie reden sich um Kopf und Kragen - bis zum überraschenden Ende. Das liest sich bisweilen zärtlich-traurig und tragisch, für uns aber ist es ein hochkomisches Lesevergnügen der besonderen Art.

Oliver Harris, London Underground

Kategorie: Empfehlungen

Aus dem Englischen von Gunnar Kwisinski

Thriller, Heyne, 445 Seiten, 9,99 €

Detective Nick Belsey ist zurück! Wie schon in London Killing überrascht Harris uns mit einer ungewöhnlichen, gut recherchierten und rasanten Geschichte. Bei der Verfolgung eines Verdächtigen entdeckt Belsey ein mysteriöses Tunnelsystem unter London, dessen Ursprung in die Zeit des Kalten Krieges zurückreicht. Als eine junge Frau dann anscheinend von dem Unbekannten entführt wird beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Belsey führen seine fieberhaften Ermittlungen in diesem Katz-und-Maus-Spiel hart an der Grenze zur Illegalität. Denn er muss seinen Kollegen immer einen Schritt voraus sein, um zu vertuschen, dass er selber in den Fall verwickelt ist...